SCHWERPUNKTSEMINAR RIGA II

„Alteingesessene“ und „Zugezogene“
Vom Umgang mit Minderheiten in Lettland und Deutschland

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28. bis 31. Dezember 2018 in Riga

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Mit dem letzten Tag des Seminars endet das Jahr 2018, das ganz im Zeichen der Gründung der Republik Lettland einhundert Jahre zuvor steht. Geboren wurde dieser Staat nicht nur aus dem Zusammenbruch des Zarenreichs im Ersten Weltkrieg, sondern auch einem erbitterten Bürgerkrieg, in dem die von den national gesinnten Letten ausgerufene Republik verteidigt werden musste. Nicht nur gegen die Bolschewiki Stučkas und Lenins, sondern ebenso gegen die Baltische Landeswehr und reichsdeutsche Freikorps, welche eine politische Ordnung durchsetzen wollten, in der die lettische Bevölkerungsmehrheit weiterhin einer deutsch(baltisch)en Obrigkeit unterstehen sollte. Dieser Krieg mit all seinen Gräueln vertiefte die Gräben, die bereits seit dem nationalen Erwachen – und besonders nach der Revolution 1905 und ihrer Folgen – zwischen der lettischen Majorität und den deutschbaltischen Eliten herrschten.
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Im neuen Staat fanden sich die Deutschbalten nun als ethnische Minderheit wieder, die bei ca. 5% Bevölkerungsanteil in der demokratischen Ordnung – verglichen mit den Jahrhunderten zuvor – kaum mehr politisches Gewicht besaß. Die folgenden zwei Jahrzehnte waren geprägt von Partizipation und Mitgestaltung der deutschen Politiker wie politischer Akte – Agrarreform, Enteignung des Rigaer Doms – welche eine Aussöhnung von Deutschbalten und Letten verhinderten. Hitler-Stalin-Pakt, „Umsiedlung“ und Zweiter Weltkrieg „lösten“ die Konflikte auf eine ganz eigene Weise, bevor ein ausgesöhntes Miteinander in der gemeinsamen Heimat zum Normalfall werden konnte. In den deutschbaltischen und lettischen Exilgemeinden in der Bundesrepublik wurden die alten Narrative und Abgrenzungen noch lange fortgeschrieben. Doch auch ihr „neues Zuhause“ hatte seine eigene Geschichte mit dem Thema Umgang mit ethnischen Minderheiten und mit Vertriebenen, Displaced Persons und später den sogenannten „Gastarbeitern“ seine neuen Konflikte. Jahrzehnte später sind sowohl das wiedervereinigte Deutschland wie auch Lettland Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, des Schengen-Raums und der Eurozone. Und in beiden Staaten ist die Existenz ethnischer Minderheiten – insbesondere diejenigen, die in den vergangenen sechzig Jahren eingewandert sind – ein nicht unerhebliches gesellschaftliches Konfliktfeld. Um das Ziel einer gemeinsamen Zukunft in einem gemeinsamen Europa in Frieden und Freiheit zu erreichen, gilt es nicht allein diese Konflikte zu lösen – eine Aufgabe, die der gesamten Gesellschaft obliegt, nicht „der Politik“ – sondern auch die Konflikte der Vergangenheit aufzuarbeiten und die feindlich-nationalen Narrative zu überwinden.